Problemlage im Mittelstand

Mittelständische Unternehmen, die Lieferungen oder Leistungen an Abnehmer erbringen, die in größere Konzernstrukturen eingebunden sind, bekommen von ihren Abnehmern oft Zahlungsziele vorgegeben, die deutlich mehr als 30 Tage betragen. Zuweilen verlängern die Abnehmer die Zahlungsziele faktisch noch einmal dadurch, dass die tatsächliche Zahlung nicht pünktlich erfolgt. Häufig haben Abnehmer, die z.B. der Automobilindustrie oder dem Lebensmittelhandel angehören, eine sehr starke wirtschaftliche Stellung am Markt, so dass die Lieferanten keine wirkliche Handhabe gegen diese quasi schon als üblich zu bezeichnende Praxis haben.

Die Motivation der Abnehmer, relativ lange Zahlungsziele zu vereinbaren, kann mehrere Ursachen haben. Bei großen Unternehmen spielt die Sicherung oder Beschaffung von Liquidität oft nur eine untergeordnete Rolle. Für die Abnehmer ist oft von weitaus größerer Bedeutung, dass die gegenüber Aktionären, Finanzinvestoren oder Banken zu kommunizierenden Finanzkennzahlen, wie der Bestand der liquiden Mittel, die Nettofinanzverschuldung oder der Working Capital-Bestand, sich in einem vorgegebenen Rahmen bewegen. Durch eine Inanspruchnahme von Lieferantenkrediten kann der Bestand an liquiden Mitteln am Bilanzstichtag hoch oder die Inanspruchnahme von Betriebsmittelkrediten niedrig gehalten werden. Durch einen hohen Bestand an Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen sinkt zudem das Working Capital (vereinfacht: Vorräte + Forderungen aus Lieferungen und Leistungen – Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen). Sofern auf der Passivseite nur die zinstragenden Finanzverbindlichkeiten, nicht aber die Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen bei der Ermittlung des Verschuldungsgrads einbezogen werden, kann auch diese Kennzahl durch die oben genannte Praxis auf ein günstiges Niveau gebracht werden.

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Mittelständische Lieferanten und Dienstleister können mit ihren Vorlieferanten oder gar ihren Mitarbeitern in der Regel aus wirtschaftlichen oder rechtlichen Gründen keine Zahlungskonditionen vereinbaren, die den mit ihren Abnehmern vereinbarten Konditionen entsprechen. Die Folge ist, dass der Lieferant bzw. Dienstleister einen erheblichen Working Capital-Bestand aufbaut, der, sofern er nicht mit Eigenmitteln abgedeckt werden kann, zunächst durch Bankkredite finanziert werden muss.

Aus dem Bestreben der Abnehmer, die Finanzkennzahlen so optimal wie möglich zu gestalten, wird vielfach die Finanzkraft und damit die Leistungsfähigkeit wichtiger Lieferanten massiv geschwächt. Daraus resultiert oft ein hohes Risiko, dass Produktionsabläufe des Abnehmers gestört werden, was wiederum zu unerwünschten Kostensteigerungen führt.

Um einerseits die eigenen Finanzkennzahlen zu optimieren, aber auch die eigene Versorgungssicherheit zu gewährleisten, wird bei mehrgliedrigen Zuliefererketten seit einiger Zeit vermehrt das Instrument des „Reverse Factoring“ – oder auch „supply chain financing-factoring“ – eingesetzt. Es sind dabei Konditionen anzutreffen, mit denen diese Art des Factoring eine kostengünstige Ergänzung zur klassischen Finanzierung durch Kreditinstitute darstellt.

Grundstruktur des Reverse Factoring

Wie der Name schon andeutet, handelt es sich bei Reverse Factoring um ein „umgekehrtes“ Factoring. Im Gegensatz zum klassischen Factoring ist Initiator nicht der Lieferant, der seine Forderungen verkaufen möchte, sondern der Abnehmer, der das Ziel hat, sich auf diese Weise längere Zahlungsziele verschaffen und gleichzeitig die Liquidität seiner Lieferanten zu sichern.

Der Abnehmer schließt dabei mit einer Factoringgesellschaft einen Rahmenvertrag ab, in dem sich die Factoringgesellschaft verpflichtet, die Forderungen der Lieferanten vorzufinanzieren. Lieferant und Factoringgesellschaft unterzeichnen daraufhin ihrerseits einen ergänzenden Vertrag, der lediglich die Forderungen gegen den Initiator umfasst (s. im Einzelnen Abb.).

Neben der Optimierung der Kennzahlen des Abnehmers hat auch der Lieferant beim Reverse Factoring die Vorteile des klassischen Factorings. Diese bestehen neben der Sicherung der Liquidität des Lieferanten, einer 100 %igen Forderungsausfall-„ Versicherung“ auch in einer Verbesserung der Eigenkapitalquote.

Worin aber liegen die Vorteile des Reverse Factoring gegenüber dem klassischen Factoring? Beim klassischen Factoring besteht das größte Risiko für die Factoringgesellschaft in dem Risiko, dass die angekaufte Forderung rechtlich keinen Bestand hat oder nicht durchsetzbar ist (Veritätsrisiko). So werden beispielsweise im Fall einer Insolvenz des Lieferanten von den Abnehmern häufig Einwendungen gegen die Forderungen des Lieferanten erhoben oder gar die Waren aufgrund eines für diesen Fall vorgesehenen Rücktrittsrechts zurückgesandt. Die Factoringgesellschaft hätte somit Forderungen angekauft, deren Bestand in Zweifel steht und die häufig nicht, nicht zum Nominalwert oder zumindest mit deutlicher Verzögerung und unter hohem Kostenaufwand eingetrieben werden können. Dem Veritätsrisiko kommt für die Factoringgesellschaft beim klassischen Factoring somit eine deutlich höhere Bedeutung zu als dem (in der Regel versicherbaren) Debitorenrisiko, also dem Risiko, dass der Abnehmer ausfällt; die Bonität des Lieferanten ist damit ein wesentlicher Faktor für die Preisbindung der Factoringgesellschaft.

Beim Reverse Factoring wird die Factoringgesellschaft dagegen ihre Entscheidung, einen Forderungskauf durchzuführen, in deutlich stärkerem Maße von der Bonität des Abnehmers abhängig machen, da die Factoringgesellschaft das Veritätsrisiko vertraglich mit dem Abnehmer minimieren kann, so dass auch Lieferanten mit einer eingeschränkten Bonität ein relativ günstiges Factoring ermöglicht werden kann. Kann der Lieferant dagegen ebenfalls eine unzweifelhafte Bonität vorweisen, so führt dies unmittelbar zu einer Verringerung des Veritäts- und damit des Ausfallrisikos der Factoringgesellschaft und damit zu einem zusätzlichen Vorteil des Geschäfts für die Parteien.

Bilanzierungsfragen beim Reverse Factoring

Von großer Bedeutung für die Bilanzierung von Reverse Factoring ist die Ausgestaltung der Verträge zwischen den beteiligten Parteien, dem Lieferanten, dem Initiator bzw. Abnehmer und der Factoringgesellschaft. Die Wahl der Konditionen kann erhebliche Auswirkungen auf die Klassifizierung der Verbindlichkeiten des Abnehmers im HGB- sowie im IFRS-Abschluss haben. Werden die Vertragsbedingungen nicht richtig gewählt, so kann dies dazu führen, dass die an die Factoringgesellschaft veräußerten Forderungen bei dem Abnehmer nicht als Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen, sondern als Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten bzw. finanzielle Verbindlichkeiten ausgewiesen werden müssen und somit beim Abnehmer nicht die gewünschte Verbesserung der Kennzahlen erreicht wird.

Bei der Beurteilung der Verträge sind dabei nach HGB wie auch nach IFRS stets die Gesamtumstände zu berücksichtigen. Sollen die Verbindlichkeiten nach dem HGB weiterhin als Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen qualifiziert werden, kommt es im Kern darauf an, dass die ursprünglich vereinbarten Zahlungsziele nicht angepasst und/oder nicht nachträglich weitere Konditionen der Verbindlichkeiten modifiziert werden. Auch die Vereinbarung von Zinsen oder Vermittlungsprovisionen des Initiators bzw. Abnehmers mit der Factoringgesellschaft kann auf die Umwandlung der Verbindlichkeiten aus Lieferungen oder Leistungen in Finanzverbindlichkeiten hindeuten. Ebenfalls kann die Verlängerung der Zahlungsziele über einen branchenüblichen Umfang hinaus oder die Vereinbarung eines Mindestfinanzierungsvolumens mit dem Initiator bzw. Abnehmer Indikator für eine Finanzierungsvereinbarung und eine daraus folgende Umqualifizierung der Verbindlichkeiten sein. Vergleichbare Fragen können sich auch hinsichtlich der Bilanz des Lieferanten ergeben. Verbleiben beispielsweise Forderungsausfallrisiken beim Lieferanten, so könnte dies dazu führen, dass die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen nicht auszubuchen sind, da das Factoring als Finanzierungsgeschäft anzusehen ist und damit Finanzverbindlichkeiten einzubuchen wären.

Fazit

Reverse Factoring kann für mittelständische Unternehmen neben der klassischen Kreditfinanzierung ein weiteres Instrument zur Liquiditätssicherung darstellen. Wird der Leistungsumfang des Reverse Factoring auf die spezifischen Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten, so kann das Reverse Factoring eine Alternative zur Kreditfinanzierung sein. Mittelständische Unternehmen können das Reverse Factoring einsetzen, indem sie es bei Vertragsverhandlungen mit Großkunden für sich als Lieferanten aushandeln oder es selbst mit den eigenen Vorlieferanten vereinbaren.