Unlängst wurde vom europäischen Gesetzgeber über den Nutzen der pflichtmäßigen Jahresabschlussprüfung von mittelständischen Unternehmen ab einer bestimmten Größe nachgedacht. Anlass war die Verabschiedung der neuen EU-Bilanzrichtlinie am 26.06.2013, bei der das Europaparlament abzuwägen hatte zwischen der grundsätzlich zu begrüßenden Reduzierung von Bürokratiekosten von mittelständischen Unternehmen durch Abschaffung der Prüfungspflicht für weite Teile des Mittelstands einerseits und dem volkswirtschaftlichen Nutzen von zuverlässigen Jahresabschlussinformationen und dem Gläubigerschutzgedanken andererseits.

Die Entscheidung fiel zugunsten einer Aufrechterhaltung der Prüfungspflicht bei maßvoller Anhebung der Schwellenwerte von Umsatzerlösen und Bilanzsumme aus, ab denen Unternehmen ihre Jahresabschlüsse prüfen lassen müssen. Der Gesetzgeber kommt damit zu dem Ergebnis, dass die Pflichtprüfung kein notwendiges Übel ist, sondern ihr ein Nutzen für die Wirtschaft und alle Wirtschaftsbeteiligten zukommt, der die mit der Prüfung verbundenen Kosten deutlich übersteigt. Die Tatsache, dass viele Unternehmen ihre Abschlüsse freiwillig prüfen lassen, auch wenn keine Prüfungspflicht besteht, zeigt, dass sie sich einen individuellen Zusatznutzen von der Prüfung versprechen.

Nachfolgend soll, ausgehend von den Gründen für die Einführung der Prüfungspflicht, der bis heute mit der Prüfung verbundene Nutzen für Unternehmen dargestellt werden. Außerdem wird beleuchtet, welche Anforderungen an Wirtschaftsprüfer zu stellen sind, damit diese einen Zusatznutzen erbringen können.

Einführung der Prüfungspflicht

Die Pflichtprüfung von Aktiengesellschaften wurde im Jahr 1931 eingeführt, nachdem im Zuge der Wirtschaftskrise mehrere bedeutende deutsche Unternehmen insolvent geworden waren, unter anderem aufgrund von Bilanzfälschungen. Der volkswirtschaftliche Nutzen der Jahresabschlussprüfung besteht unverändert bis heute darin, dass sich alle Wirtschaftsbeteiligten auf die Zuverlässigkeit der Finanzinformationen ihrer Geschäftspartner stützen und dadurch vor Vermögensverlusten schützen können.

Neben allen Wirtschaftsbeteiligten als Nutznießer von verlässlichen Entscheidungsgrundlagen gibt es vielfältige weitere externe Adressaten eines Prüfungsurteils bzw. eines Prüfungsberichts. Erfahrungsgemäß ist das Testat neben vorhandenen Sicherheiten eine wesentliche Voraussetzung für den Zugang zu Krediten oder Bürgschaften. Kaum ein Investor wird seine Entscheidung ohne Prüfung durch eine unabhängige Stelle treffen. Auch größere Kunden oder Lieferanten machen die Geschäftsverbindung häufig von der Vorlage geprüfter Abschlüsse abhängig.

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Der Wirtschaftsprüfer als kritischer Gesprächspartner des Unternehmers

Nicht zuletzt wird für die Unternehmen selbst – einschließlich der Geschäftsleitung, der Gesellschafter und der Aufsichtsorgane – durch das Testat des Wirtschaftsprüfers die Zuverlässigkeit der eigenen Buchführung ebenso wie die Ordnungsmäßigkeit des aufgestellten Jahresabschlusses bestätigt. Viele mittelständische Unternehmer haben darüber hinaus den Wunsch nach einem kritischen Gesprächspartner, der das Geschäftsmodell und den Markt versteht und mit den Besonderheiten des Unternehmens vertraut ist. Warum kommt hier in der Regel der Wirtschaftsprüfer in Frage?

Der Wirtschaftsprüfer kommt in der modernen Jahresabschlussprüfung aufgrund des risikoorientierten Prüfungsansatzes längst nicht mehr nur „von der Zahl“ her. Es müssen vielmehr die Prozessabläufe in den Unternehmen verstanden werden, um so auf unternehmerische Risiken schließen zu können. Durch Betriebsbesichtigungen, Befragungen, Vertragsdurchsichten, Bilanzanalysen, Untersuchung von IT-gestützten Geschäftsprozessen etc. hat der Wirtschaftsprüfer ein vertieftes Verständnis für die Besonderheiten des Unternehmens und kann den Fokus der Prüfung zielgerichtet auf wichtige Abläufe und Kontrollen (Internes Kontrollsystem, IKS) und Risikobe- urteilungen richten. Mit ihm kann sich der Unternehmer fachkundig über seine wirtschaftliche Lage und unternehmerische Entscheidungen beraten.

Zusatznutzen der Prüfung in unterschiedlichen Bereichen

Durch seine tiefgehende Kenntnis des Unternehmens liegt es auf der Hand, dass der Wirtschaftsprüfer aus der Jahresabschlussprüfung heraus Anstöße zu Verbesserungen oder Kostenersparnissen in vielen Bereichen geben kann:

  1. Aufdecken von Schwachstellen im IKS, insbesondere in IT-gestützten Geschäftsprozessen
  2. Sensibilisierung für IT-Problematiken, z.B.: Datensicherheit, Kontrollen gegen unberechtigte Zugriffe, Notfallregelungen bei Systemausfall und im Katastrophenfall, Fehlerhafte Verarbeitung von Schnittstellen zwischen unterschiedlichen IT-Systemen
  3. Aufbau von Planungsrechnungen und integrierten Steuerungssystemen
  4. Optimierung des Vorrats- und Forderungsmanagements sowie des Working Capitals
  5. Verbesserung des Bankenratings oder der Finanzierungsstruktur

Enge Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfer

Aus den Bilanzskandalen der 1930er- Jahre wurde seinerzeit gefolgert, dass der Aufsichtsrat großer Gesellschaften die ihm obliegende Pflicht der Prüfung der Jahresabschlüsse allein nicht hinreichend erfüllen kann. Deshalb wurde ihm ein unabhängiger Jahresabschlussprüfer zur Seite gestellt, der ihn maßgeblich bei der Wahrnehmung seiner Überwachungsaufgabe unterstützt. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Prüfer in allen Phasen der Jahresabschlussprüfung dient der Steigerung der Qualität der Aufsichtsratsarbeit wie auch der Jahresabschlussprüfung. Diese Qualitätsverbesserung stellt insoweit einen erheblichen Mehrwert für das Unternehmen dar.

 In der Praxis hat sich dabei herausgebildet, dass der Aufsichtsrat neben der Schwerpunktsetzung auf bestimmte bilanzielle Probleme bspw. auch an der Prüfung der Wirksamkeit des IKS oder der Beurteilung des Compliance Management Systems (CMS) nach dem neuen IDW Prüfungsstandard PS 980 interessiert ist.

ANFORDERUNGSPROFIL AN DEN WIRTSCHAFTSPRÜFER

Damit die Jahresabschlussprüfung für das Unternehmen einen Zusatznutzen erbringt, muss diese auf hohem qualitativem Niveau durchgeführt werden. Das dafür erforderliche Anforderungsprofil an den Wirtschaftsprüfer ist in den letzten Jahren, auch bedingt durch die gestiegene Komplexität und Dynamik der Wirtschaft, erheblich gestiegen. Ein Zahlenverständnis als Qualifikationsmerkmal eines Wirtschaftsprüfers reicht allein heute nicht mehr aus. Der Wirtschaftsprüfer benötigt heute zur Entwicklung eines Risikoprofils ein sehr viel stärkeres Verständnis für den Ablauf von Geschäftsprozessen. Er muss auch Spezialkompetenzen wie z. B. IT-Spezialisten, Rechtsanwälte, Experten in Umsatzsteuer oder internationalem Steuerrecht, Fachleute für Finanzinstrumente etc. heranziehen.

Es liegt nahe, dass die Anforderungen an Branchenfokussierung, Spezialisierung und Kompetenzaufbau nur von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ab einer bestimmten Größenordnung erfüllt werden können. Aufgrund der zunehmenden Internationalität der Aufgaben des Berufstandes ist auch eine Verankerung in einem starken internationalen Verbund zwingend erforderlich.

Gerne stehe ich für weitere Fragen persönlich zur Verfügung: